Von Wahnsinnigen, Erleuchteten und falschen Propheten

Von einem, der auszog, das Laufen zu lernen!
Übermut tut selten, doch manchmal auch gut!
Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor!

von Stephan Vielhaber, 12. Juni 2026

Und dann die Gewissheit, dass die Energie fließt, ganz langsam, vielleicht erst nur ein wenig kribbelt. Dann plötzlich weht die ganz leichte Brise und scheint die Sonne mit drei klitzekleinen Strahlen und das Strahlen steht im Gesicht wie ein Bild für Hoffnung und Lebensfreude und Lebensmut und die Erkenntnis, dass am Ende sowieso immer alles gut wird.

Ich fühlte das Krankwerden bereits im Sommerurlaub auf Fehmarn in mir heranwachsen, gerade frisch pensioniert. Ich lief nicht mehr weit, mir fehlten Luft und Kraft. Das wurde alles stärker mit der Zeit und zog sich bis in den Januar. Die Adventszeit und die Weihnachtszeit, auch Silvester und Neujahr waren schlimm für meine Familie und mich, da ich kaum noch kommunizieren konnte und in der Zwischenzeit 10 Kilogramm verloren hatte.

Die Heiligen Drei Könige schlafen noch

Am 6. Januar, die Heiligen Drei Könige schliefen noch tief und fest, bin ich morgens um 5 Uhr in der Frühe in hohem Bogen mehr aus dem Bett geflogen als gefallen und mächtig auf die Stirn geknallt. Das resultierte aus einem sportlichen Traum heraus, was an Parkinson Erkrankten, kurz Parkis, des öfteren zustößt.

Sesam öffne dich!

Das war aber auch der Schlüssel zum Öffnen meiner Krankenwelt. Felix fuhr mich am 8. Januar zu meiner Neurologin Frau Dr. T., die meinen Parkinson behandelt und mich natürlich auch. Dass ich an diesem Tag nicht mehr nach Hause kommen würde, ahnte ich noch nicht. Erst 7 Wochen später und nach Behandlung in 4 Kliniken kam ich zurück. 

Brief an Martin

Ich habe dir im Folgenden einen Brief an Martin angehängt. So kannst du bestimmt nachvollziehen, wie eng Freude und Leid beieinander lagen. Martin ist der Chef des Fußballvereins SV Wacker Obercastrop und ein Freund von mir und Felix, meinem Sohn.

„Lieber Martin, ich möchte mich heute bei dir bedanken für alle freundschaftliche, moralische und gläubige Unterstützung im Rahmen meiner wunderbaren Rekonvaleszenz und fortschreitenden Erholung. Danke, dass du für mich gebetet hast mit Wirkung und der Erfahrung, dass der Herr da war, als ich ihn besonders brauchte.

Brückenbauer und starke Jungs

Bestimmt warst du da auch ein Brückenbauer, so wie die vielen Menschen, die mich unterstützt und zu mir gehalten haben, natürlich auch unser SV Wacker und die Jungs sowieso. Das war ganz stark und werde ich nicht vergessen. Jede kleine Geste, jeder Satz, jeder Genesungswunsch lösten in mir etwas aus, wirkten miteinander und gaben mir das Gefühl, dass der Weg noch weitergehen kann.

Seit gestern durfte ich nach den 7 Wochen in den Kliniken das erste Mal wieder nach Hause. Das war für mich aufregend und mit Nervosität verbunden, verlässt man doch einen geschützten Raum, in medizinischer und fachlicher Sicht, aber gerade auch aus emotionaler, denn ich habe wunderbare Menschen kennen lernen dürfen. 

Es geht bergauf, doch ich bleibe auf der Hut

Ich wage es heute Abend einmal zu sagen, dass es merklich bergauf geht. Obwohl ich gestern zuhause in der Nacht direkt, wahrscheinlich zum Willkommen, einen heftigen Rückschlag hatte, was die Atmung betrifft.

Ich hatte mich dagegen gewappnet. Man muss auf der Hut sein. Es gibt dabei keinen besseren Begleiter als die eigene möglichst gute Laune, die mich immer mehr ergreift, zur besonderen Freude von Felix, der sehr gelitten hat in den schwierigen Tagen und sicherlich ein Trauma mit sich führt.


Der glücklichste Mensch der Welt

Das Geheimnis der 7

Frau Dr. T. hat mir unermüdlich geholfen. Dass ich beginne und durchhalte! Ich bin ihr unendlich dankbar. Heute durfte ich das erste Mal wieder nach Hause. Nach 7 Wochen in 4 Kliniken. Die Komplementärmedizin hatte den Schlüssel. Die Station wurde mir für 16 Tage ein Zuhause, das ich nur mühsam heute erstmals verlassen durfte und damit die großartigen Menschen dort.“

Die dunklen Stunden

Doch es gab die dunklen Stunden, über die ich nur unter Freunden berichte. Vor 4 Wochen war das Folgende meine Antwort auf die Frage, wie es mir wirklich gehe, diese:

„Mittlerweile bin ich in der 4. Klinik. Daran kannst du schon erkennen, dass das Zusammenspiel mehrerer Krankheiten im Thorax mit meiner Parkinsonerkrankung kompliziert zu therapieren sind. Die basierende COPD mit einem unterlagernden Lungenemphysem wird nun zusätzlich mit einer umfassenden Bronchieektasenerkrankung überlagert.

Diese ist soweit fortgeschritten, dass es eigentlich nur noch wenig zu reparieren gibt. Diese Funktionsverluste lassen den Abtransport der erheblich entzündeten, verklebten und verschmutzten großen Schleimmengen nicht mehr zu, sodass ich gezwungen bin, fast allein durch kaum noch vorhandene Körperkraft den Dreck irgendwie auszuhusten.

Supergau: Exarzerbation um 3.15

Die Lebensqualität ist erheblich eingeschränkt, die Luftnot oftmals schlimm. Der Höhepunkt war meine persönlich schlimmste Situation vor 3 Wochen am 4. Februar nachts um 3.15. Die Atmung versagte auf 0. Der Kampf um mein Überleben gegen meinen eigenen Tod war das schlimmste und dramatischste, was ich bisher durchstehen musste.

Ich habe geschrien und getobt, ohne Luft, um meine Existenz und diesem Monster ganz tief in die Augen gesehen in einer Umgebung, die entsetzlich süß roch. Am Ende war ich soweit, mich aufzugeben und in die Tiefe ziehen zu lassen.

In diesem Todesmoment war plötzlich meine Familie irgendwie in mir, rief, schrie, sodass ich mit wahnsinniger Kraftanstrengung sehr sehr knapp aus diesem Zug in die Hölle entkommen konnte, indem ich dem schrecklichen Griff mehr und mehr entglitt und sich am Ende der Zugriff löste.

Das ist das letzte, an das ich mich erinnere. 2,5 Stunden später wachte ich im Rettungswagen auf der Fahrt in die Intensivstation auf. 

Pseudomonas aeruginosa

Davor war ich im Krankenhaus nebenan, da ich nur noch Luft für 2 Meter Laufstrecke hatte. Es hatte sich einer dieser resistenten Keime eingeschlichen, Pseudomonas aeruginosa. Ich habe 79 (!) Infusionen bekommen, mit denen wir dieses tödliche Ding endlich und hoffentlich töten konnten. 

Was darf`s sein? Lunge oder Parkinson?

Danach war ich in der Lungenstation, seit 12 Tagen bin ich in der Parkinson-Spezialklinik, aus der ich dir jetzt schreibe.

Ein Glitzern

Vor einigen Tagen trat das Wunder ein, dass ich Glitzerndes bemerkte, zum ersten Mal so etwas wie spürbare Besserung. Hier versuche ich nun emporzukommen und mich zurück in ein halbwegs auszuhaltendes Leben zu kämpfen. Als hoffnungsvoller Grundoptimist werde ich das schaffen und demnächst auf dem Fußballplatz auflaufen. 

Meine Familie hilft mir ganz wunderbar dabei.

Ist eine etwas längere Antwort geworden, aber du fragtest und die Tastatur lief los…

Ganz liebe Grüße“

Ein Wunder

Heute, jetzt, ist es wie ein Wunder, dass ich nicht für möglich gehalten hatte, kommende Rückschläge eingeplant, weitere stationäre Aufenthalte bereits terminiert, wissend, dass die Krankheiten nicht verschwinden werden, dass ich solche Fortschritte gemacht habe. Frau Dr. T. wird mich weiter ganzheitlich unterstützen. 

Dir und euch allen gilt mein großer Dank für alle Unterstützung! 

Liebe Grüße“

Ja, dann ging es voran und das Wunder begann.

So kommen die Gedanken und Erinnerungen und gehen sie und manchmal passt es zusammen oder besser noch, wenn es zusammen passt, dann ist es gut.

Immer kräftig

Gestern war ein wunderbarer Tag. Ich war bestens gestimmt, die Sonne schien. Nachmittags schaffte ich unsere kleine Spazierrunde am Rande der ehemaligen Pferderennbahn entlang auf Anhieb, was gar nicht mein Plan war.

Wir Parkis mit oder ohne Lunge sollen langsam gehen, so die Physios in der Klinik. Vom langsamen Gehen tun mir die Knie weh. Hier sehe ich auch heute keinen Physio. Die liegen üblicherweise überall auf der Lauer im Auftrag der medizinischen Dienste.   

So ging ich wie von selbst, normal, bis zum weißen Koi im Teich, der mir auch brav den guten Tag gebot. Nach 20 Minuten war ich wieder zuhause. Ohne Gepuste, wundersam.

Anfang Januar benötigte ich dafür mindestens 2 Stunden und habe das durchgezogen. Die Gedankenwelt von damals ist aus meiner Denkzentrale entwichen. Vor der Haustür stehend brauchte ich 30 Minuten, um Luft für 7 Treppenstufen zu sammeln. 

Gestern Abend ging es richtig rund mit mir und mit ziemlich lauter Musik von „Radio H“, die mit dem besten Mix aller Hits und Vielhaber kam in beste Stimmung mit Tanz und Gesang und innerlicher Leichtigkeit und war ziemlich durchgeschwitzt und sehr sehr glücklich und genoss ayurvedische und hatte die schöne Idee, dass alles gut sei. 

Ich überlege, ob ich da ein wenig bremsen muss, dosieren, wie bei den Profis gelernt. Oder bin ich ich und lass mal locker, eher meine Art.

Außerdem habe ich hier ziemlich laut im Haus herumgebrüllt, besonders gerne im Treppenhaus, das hallt so schön. Auftrag der Stimmtrainerinnen IMMER KRÄFTIG!

Also los! Kräftigster Gesang!

„Maria, die Post ist da!“

„Franziska, Bofrost ist da!“

Vater war immer schon etwas bekloppter als der Rest der Straße

Auf Felix reimte sich wieder nix außer Popelix, was sich nur als Schmähruf verwenden lässt, aber nichts bei solch ernsten Atemübungen zu suchen hat.

Ich konnte so lange singen wie ich wollte, laut und lauter noch und nöcher. Natürlich nahm wieder niemand von mir Notiz im Haus. Vater war ja immer schon etwas bekloppter als der Rest der Straße. 

Ich meine allerdings, dass meine integrierte Tanzshow inklusive Sängerstimmenimitation ein starkes Ding war.

Wenn auch keiner dabei war, ich fand es gut, sogar sehr gut und ging duschen.

Tränen

Und hier etwas Wunderbares vom letzten Donnerstag:

Mir tränen beide Augen. Dabei gibt es heute keinen Grund traurig zu sein. Allerdings schießen mir diese salzigen Begleiter für emotionale Gemischtwaren seit einiger Zeit ziemlich oft und ziemlich ungefragt in die Augenwinkel.

Vor Freude, vor Berührtheit, wenn mich etwas anfasst oder ganz erfasst. Dann ist es gut und tut es gut. Dann merke ich, dass ich bei aller Last und Belastung immer noch über positive Vibrations verfüge, die mein Erträgliches aufrecht halten. 

Fortsetzung folgt!